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Gründungszuschuss

Wichtige rechtliche Änderungen, Tipps zu Steuer und Sozialversicherung, Ideen für mehr Erfolg vor und nach der Gründung - in unserem News-Blog berichten wir ganz aktuell. 

Der Unternehmer-Professor: Interview mit Günter Faltin


(gruendungszuschuss.de) Eine Vortrags-Veranstaltung des Woman’s Business Club in München war willkommener Anlass für mich, Günter Faltin kennen zu lernen und für unseren Newsletter zu interviewen. Der Gewinner des Deutschen Gründerpreises 2009 ist nicht nur Professor für Entrepreneurship in Berlin – er ist zugleich selbst Unternehmer - und das gleich serienweise.

Schon immer, so erzählt mir Faltin gleich zu Beginn unseres Gesprächs, wollte er nicht nur Theoretiker sein, sondern den Bogen zur Praxis schlagen. So gründete er vor 25 Jahren die Projektwerkstatt GmbH und gleich mit deren erster Aktivität traf er ins Schwarze: Mit einem Direktversand für Tee, der alle Branchenregeln konsequent auf den Kopf stellt. Statt vielen Sorten vertreibt er nur eine einzige Sorte, denn nur so sind die Einkaufsmengen groß genug, um ohne Zwischenhandel selbst importieren zu können. Nur eine Sorte, dafür aber Darjeeling, nach übereinstimmender Expertenmeinung die beste Teesorte der Welt. Und das nur als Kilopackung statt wie sonst üblich 100-Gramm-weise, was teure Verpackung spart. So konnte Faltin beweisen, dass sich durch Umgehung der unzähligen Zwischenhändler im Teehandel der Handelspreis auf ein Drittel reduzieren lässt und die Pflanzer trotzdem fair bezahlt werden. Mit Erfolg: Die Teekampagne ist heute der weltweit größte Importeur von Darjeeling-Tee.

Dabei blieb es aber nicht. Unter dem Dach der Projektwerkstatt folgten weitere Gründungen, zudem hat Faltin ein halbes Dutzend Gründungen als Business Angel begleitet, darunter den Bürodienstleister „ebuero“. 2008 veröffentlichte Faltin das Buch „Kopf schlägt Kapital“, ein Leitfaden für alle, die das Beste aus ihren Fähigkeiten machen wollen. Heute seien Unternehmensgründungen möglich, die nicht von Kapital und Technologie, sondern von der Kreativität und den Ideen ihrer Gründer geprägt seien. Ein entscheidender Vorteil zu früher: Man kann Unternehmen aus vorhandenen Komponenten gründen. Die Idee dahinter: Für fast alles gibt es heute Dienstleister, die man nur intelligent zusammenstellen und dirigieren muss – ähnlich wie ein kleines Orchester. So lassen sich mit wenig eigenem Aufwand auch Gründungsprojekte mit hohem Wachstumspotenzial realisieren – und auch soziale und politische Ziele erreichen. Faltin selbst hat mit Überschüssen aus seinem Unternehmen ein großes Wiederaufforstungsprojekt in Darjeeling ins Leben gerufen. In den letzten 20 Jahren war er immer wieder als Gastprofessor unterwegs, in Ländern wie Indien, Thailand, Indonesien, den Philippinnen, Japan, den USA, Brasilien und Russland.

gruendungszuschuss.de: Herr Professor Faltin, woher kommt Ihr Interesse für das Unternehmertum?

Als Student wunderte mich, dass während des Wirtschaftsstudiums die Unternehmerfigur nicht vorkam. In der Schule hatte ich unter der Bank Schumpeter gelesen, der über die Unternehmerfigur geschrieben hat, davon wollte ich im Studium mehr hören. Tatsächlich bestand das Studium aus einer Mischung aus gehobener Buchhaltung und Mathematik. Mit der Realität hatte es wenig zu tun. Uns Studenten hat das wütend gemacht. Ich habe diese Art des Studiums als Fachschafts-Sprecher scharf kritisiert.

gruendungszuschuss.de: Sie sind trotzdem Hochschullehrer geworden?

Als die ersten Reformuniversitäten gegründet wurden, hat man mich angesprochen: So jemand wie Sie brauchen wir! Ich wurde Professor für Theorie-Praxis-Bezug in der Wirtschaftspädagogik. Von Anfang an hatte ich den Wunsch, am praktischen Beispiel zu zeigen, wie Entrepreneurship funktioniert. Ich war allerdings voll eingespannt in den Lehrbetrieb, hatte viele Studenten und Prüfungen. Das Konzept der Teekampagne ist deshalb über Jahre in meinem Kopf gereift. Als der Gedanke sehr weit fortgeschritten war, habe ich ihn in die Lehre eingebracht. Am Akt der Gründung der Projektwerkstatt im Jahr 1985 habe ich dann die Studenten beteiligt.

Das kleine Unternehmen war kein geliebtes Kind. Heute ja, damals nein! Das Klima war in dieser Zeit antimarktwirtschaftlich. Mit meiner Beliebtheit bei den Studenten war es schnell vorbei. „Jetzt will er uns zu kleinen Kapitalistenschweinen machen“ - das war nur einer von vielen Vorwürfen, die ich damals zu hören bekam.

Als wir 1987 zum ersten Mal einen Überschuss erzielten, atmete ich auf: „Jetzt steht die Teekampagne auf soliden Beinen“. Die Studenten hatten am Anfang ja gar nicht daran geglaubt, dass das möglich wäre! Wir arbeiteten damals noch in zwei feuchten Kellerräumen des Instituts für Wirtschaftspädagogik, für die wir ordentlich Miete bezahlt haben. Doch als sich unser Erfolg herumsprach, hat uns die Universitätsverwaltung vor die Tür gesetzt. Es war, als hätte man im Keller ein Bordell entdeckt: „Die machen Gewinne, das ist ja etwas Unanständiges!“

gruendungszuschuss.de: Wem gehört das Unternehmen denn? Verdienen Sie damit Geld?

Ich werde das oft gefragt: Holt er sich etwa zusätzlich zur Besoldung als Beamter ein zweites Gehalt? Die Projektwerkstatt GmbH als Firmenmantel für unsere Aktivitäten ist von mir und einem Kollegen mit eigenen privaten Mitteln finanziert worden, anders ging es gar nicht. In dem Sinne könnte ich sagen, es ist eine ganz private Firma. Ich wollte es so aber nicht, ich wollte ein Modell schaffen, nicht Privatvermögen. Später bin ich auf eine halbe Stelle gegangen. In dieser Konstruktion beziehe ich ein halbes Gehalt von der Universität und ein halbes Gehalt vom Unternehmen. Die Firma bringen ich und mein Kollege, der mit 20 Prozent beteiligt war, nun Zug um Zug in eine Stiftung ein, die „Stiftung Entrepreneurship“, die wir ebenfalls mit privaten Mitteln errichtet haben.

gruendungszuschuss.de: In Ihrem Buch „Kopf schlägt Kapital“ äußern Sie sich an mehreren Stellen kritisch über Existenzgründungsberater. Warum?

Aus der Vergangenheit kennen wir eine bestimmte Art der Beratung: Danach sei es vor allem wichtig, Kapital zu beschaffen, sich gute BWL-Kenntnisse anzueignen und über Management-Qualifikation zu verfügen. Auf die Qualität der Gründungsideen käme es dagegen weniger an.

Das hatte früher sicher seine Berechtigung. Heute finde ich es nicht mehr in allen Fällen zeitgemäß. Wir leben in einer post-industriellen Gesellschaft, die industrielle Produktion macht nur noch ungefähr 20 Prozent aus, und das mit weiter abnehmender Tendenz. Wir beziehen unsere Bilder des Unternehmertums aber immer noch aus der industriellen Epoche, auch weil Deutschland in dieser Zeit in vielen technologischen Bereichen führend war.

Was wir brauchen, sind post-industrielle Geschäftsmodelle. Es geht um Gründungen, die auf die Zukunft gerichtet sind, um Bedürfnisse, die man als post-industriell bezeichnen kann.

gruendungszuschuss.de: Gründungen mit wenig Kapital? Das wird Gründer aus der Arbeitslosigkeit freuen!

Ich sage nicht, dass man kein Kapital braucht, es gibt Bereiche, in denen man nach wie vor sehr viel Kapital benötigt, z.B. in der Medikamenten-Entwicklung. Aber es gibt auch viele Gründungsideen, wo Kapital nicht mehr der Engpass ist. Ich spreche über 5.000 bis 50.000 Euro Kapitalbedarf, das liegt eher am unteren Ende und lässt sich oft aus dem Freundes- und Bekanntenkreis heraus aufbringen. Selbst in den USA werden 70 Prozent aller Gründungen durch Family & Friends finanziert.

Meinen Studenten sage ich: „Ihr habt die Chance, Euch das Gewinnlos einer Lotterie systematisch zu erarbeiten". Wenn ich bei einem skalierbaren Geschäftsmodell, den Beweis erbringe, dass es funktioniert – oder wie es in der Fachterminologie heißt, den „Proof of Concept“ erbringe, habe ich in diesem Moment eine Unternehmensbewertung, die leicht schon bei 100.000 Euro liegt, bei einem Geschäftsmodell mit einem großen Marktpotenzial durchaus auch bei einer halben Million oder Million. Die Frage ist: Wie komme ich zu einem solchen Konzept? Früher habe ich an dieser Stelle Kreativworkshops veranstaltet, heute gehe ich mit meinen Studenten systematisch alle Möglichkeiten durch, studiere das Feld genau, analysiere die vorherrschenden Bedingungen und Konventionen und kann so mit systematischer Arbeit ein aussichtsreiches Geschäftsmodell entwickeln.

Viele Gründungszuschuss-Gründer zielen gar nicht darauf, einen hohen Unternehmenswert zu schaffen, sondern zunächst einmal den Lebensunterhalt zu decken, zum Beispiel als Freiberufler. Sind das Gründungen zweiter Klasse?

Ich würde Kleingründungen auf gar keinen Fall schlechter bewerten als die konzept-kreativen Gründungen, von denen ich spreche. Ich habe absolute Hochachtung vor jedem, der sich selbständig macht. Wenn ich aber an einer Universität lehre, ist es nicht meine Aufgabe, mit wissenschaftlichem Aufwand darzulegen, wie man vom angestellten zum selbständigen Friseur wird. Wir beschäftigen uns an der Hochschule nicht mit dem Thema „sich selbständig zu machen“. Dazu gibt es durchaus gute Beratungseinrichtungen. Die Universität hat die Aufgabe, Wissen zu schaffen und für die Praxis vorzudenken. Es geht also um kreative Zerstörer, um es mit Schumpeter zu sagen, also Entrepreneurs mit innovativen Gründungen.

gruendungszuschuss.de: Was können denn die kleinen Gründer von den innovativen Gründern lernen?

Die Kleingründer gehen häufig in einen gesättigten, wettbewerbsintensiven und damit schweren Markt – und das ohne klare Innovation. Sie haben damit alle Nachteile des Newcomers: Die anderen Wettbewerber haben schon Kunden, haben die Fehler der Anfangsphase schon hinter sich, kennen sich in ihrem Feld bereits gut aus. Die Kleingründer gehören damit leicht zu denen, die schnell wieder aufgeben müssen. Es ist daher besser, zumindest an einer Stelle innovativ zu sein. Ein Beispiel: Als Anwalt würde ich versuchen, einen Blog einzurichten, um mich etwa als Experte zu einem Thema wie Scheidungsrecht zu positionieren oder – soweit es das Standesrecht zulässt – Festpreise anbieten statt unkalkulierbarer Gebühren.

gruendungszuschuss.de: Lässt sich Ihr Modell, mit „Komponenten“ zu gründen, auf kleine Gründungen übertragen?

Mit Komponenten gründen, also wichtige Aufgaben wie Buchhaltung, Verpackung und Logistik von Dienstleistern durchführen zu lassen, ist sinnvoll, weil man nicht alles selbst tun und wissen kann. Beispiel Recht und Steuern: Es gilt EU-Recht, es gilt nationales Recht, das alles ändert sich zudem laufend. Es ist völlig unrealistisch, die Vielzahl von Anforderungen selbst bewältigen zu wollen. Allein der Gedanke daran demotiviert und gerade kreative Menschen werden von dieser Art von Selbständigkeit abgeschreckt. Wenn man Komponenten heranzieht, also bestimmte Aufgaben den Profis überlässt, kann das eine Gründung sehr vereinfachen. Ein gutes Konzept muss so kalkuliert sein, dass die Kosten für professionelle Dienstleister eingeplant sind. Ich sage meinen Gründern: „Wenn Sie Professionalität zu teuer finden, dann versuchen Sie es doch mit Un-Professionalität.“ Wir wissen alle, dass das noch viel teurer wird!

gruendungszuschuss.de: Was sollte die Politik tun, um mehr Unternehmensgründungen zu ermutigen?

Sie sollte eine Kultur unternehmerischen Handelns fördern, statt mit Arbeitsstätten-Verordnungen Gründer zu schikanieren. Ein ganz praktisches Beispiel: Die Teekisten der Teekampagne eignen sich hervorragend als Regale oder Trennwände, ihre Verwendung ist Gründern aber verboten, so sagen die Beamten der Aufsichtsbehörde, dabei hat sich nie jemand daran verletzt. Man könnte Gründer auch im ersten Jahr von den Steuerformalitäten entlasten. Die ganze Bürokratie ist ja entstanden zum Arbeitsschutz für große Unternehmen, Neugründungen sollten nicht gleich im ersten Jahr denselben Anforderungen genügen müssen. Politiker schwärmen ja oft von Garagengründungen. Es wäre daher nur konsequent, ein Jahr Bürokratie-Freiheit zu geben!

gruendungszuschuss.de: Wie geht es eigentlich der Teekampagne? Sind Sie da an die Grenzen des Wachstums gelangt?

Die Teekampagne selbst hat Ihr Marktpotential allmählich ausgeschöpft, die Projektwerkstatt aber wächst weiter. Zum Beispiel mit der CO2-Kampagne: Wir vertreiben Energiesparlampen von hoher Qualität und helfen so, CO2 einzusparen. Genau wie bei der Teekampagne gilt: Wir können beim Preis ein unschlagbares Angebot machen. Bei den Energiesparlampen schlagen wir sogar Aldi. Dort kosten die exakt baugleichen Lampen 3,29 Euro, bei uns inklusive Versandgebühr nur 2,88 Euro.

Verfasst von gruendungszuschuss.de-Redaktion am 28.06.2010 14:37
http://www.gruendungszuschuss.de/?id=52&showblog=2826

Kommentare

Ich empfehle heute jedem gründungswilligen, sich in das aus den USA langsam zu uns kommende Themea "Lean Startup" einzulesen.

Hierbei steht das Thema "Minimum Viable Product" (MVP) Customer Development" im Fordergrund.

Kurz zusammengefasst: Kein Idee übersteht den Kundenkontakt.

Wenn man das einplant und schnelles Kundenfeedback ohne große Vorabinvestitionen einholt, hat man Ressourcen führ mehrere Versuche/Iterationen/Pivots um auf Kunden einzugehen.

Das trifft insbesondere für den Bereich Software-Entwicklung und ist im Grunde auch nicht viel neues: Die besten Gründungen haben bereits vor der Produktfertigstellung zahlende Kunden.

Verfasst von Roland Moriz am 01.10.2010 13:31


Ich kann das Buch von Prof. Faltin auch nur empfehlen. Allerdings glaube ich nicht, dass die Komponentengründung in sehr wissensintensiven Branchen sehr weit führt - mal abgesehen von der Auslagerung von Standards wie Buchhaltung und Steuern und so.

Da würde ich die beiden bei Amazon mit Faltins Buch empfohlenen Bücher: Die 4-Stunden-Woche von Timothy Ferriss und den Weg zum erfolgreichen Unternehmer von Stefan Merath als Ergänzung empfehlen. Die 3 Bücher sind meine absoluten Top-Faavoriten fürs selbständig sein.

Verfasst von Petra Schmied am 06.07.2010 16:46


Danke für das tolle Interview mit Prof. Faltin. Ich habe vor einiger Zeit sein Buch auch verschlungen - und bereite nun meine Unternehmensgründung für "Culina Mundi" genau nach diesem Konzept vor.

Verfasst von Heike Kohler am 04.07.2010 12:27


Ein Super-Interview. Auch das Buch "Kopf schlägt Kapital" kann ich nur empfehlen. Ich habe es verschlungen.

Verfasst von A. Großegesse am 01.07.2010 17:42


Sehr guter, praxisnaher Artikel. Das mit der Hochschullehre kann ich nur voll unterstreichen. Mir ging es genauso. Denke die "Strategie" mit der halben Stelle ist auch empfehlenswert, da man als Gründer auch immer einen Plan B in der Tasche haben sollte.

Verfasst von Bernd Himpel am 01.07.2010 09:06


Hört sich alles toll an, aber in der Realität sieht die Sache dann doch meistens anders aus.

Wer klein anfängt, kann eben nicht "mal eben" das Risiko eingehen und "teuere Dienstleister" einkaufen, wenn nicht vorher das Preisgefüge angepasst wurde. Sonst stimmt ja die gesamte Kalkulation nicht mehr.

In der Realität scheitern die meisten Ideen nicht unbedingt am mangelnden finanziellen Gestaltungsspielraum, sondern an der Ressource Zeit.

Verfasst von Christoph Schiffer am 01.07.2010 02:17


Ein Artikel der Mut macht und das Interesse an Kreativen Konzepten weckt!

Danke

Verfasst von Andreas Weimer am 01.07.2010 00:33


Hallo, na das ist ja mal eine sehr realistische und praxisbezogene Meinung eines Theoretikers. So möchte man meinen, wenn man von einem Hochschulprofessor hört. Ich kann allem beistimmen und hoffe unseren Politikern gelingt es wieder Praxisnähe zu sehen.

Danke

Verfasst von Klaus Schön am 30.06.2010 19:02

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